Ich bin ein Still-Versager – und das ist okay so

Stillen ist das Beste, was ein Baby bekommen kann. Ich bin fürs Stillen. Das Kind bekommt so die optimale Ernährung: Es ist auf das Kind abgestimmt, immer verfügbar, genau richtig temperiert. Und die Nährstoffe! Alles drin! Und die Abwehrstoffe! Stärkt das Immunsystem!

Entschuldigung, ich werde schon wieder sarkastisch…

Ich konnte nicht stillen

Dabei meine ich es völlig ernst. Stillen ist wichtig, das Beste für das Kind. In den ersten sechs Monaten sollte das Baby ausschließlich gestillt werden und dann nach Bedarf noch so lange, wie Mutter und Kind es wollen.

Ich habe nicht gestillt. Das liegt nicht daran, dass ich es nicht hartnäckig genug versucht hätte. Oder dass ich keine Hilfe gehabt hätte. Oder dass ich nicht die Zähne zusammen gebissen und uns lange genug Zeit gegeben hätte. Ich bzw. die Babys und ich, wir haben es echt gewollt. Geklappt hat es trotzdem nicht.

Ich scheine anatomisch nicht dafür geschaffen zu sein. Denn ich blutete. Und blutete. Es heilte nicht und blutete weiter. Unschönes Detail: Meine Brustwarzen waren richtig zerfurcht. Weder die Hebammen, die mich betreuten, noch die beiden Still-Beraterinnen, die ich um Rat fragte, noch die Krankenschwester, die meine Brustwarzen laserte, konnten es sich so richtig erklären. Die Osteopathin meinte, die Kleine hätte einen verschobenen Kiefer, weswegen sie nicht richtig saugen konnte. Das erklärt aber nicht, wieso es bei der Großen schon nicht geklappt hat.

Probiert habe ich alles. Verschiedene Anlegetechniken, Wollfett, Muttermilch und Spucke trocknen lassen, Kompressen mit diversen Tees, Aloa Vera-Pads, Stillhütchen… etc. etc. etc. Ich habe alle Tricks von Experten und was man so im Internet so liest, ausprobiert.

Blut, Schmerzen, Tränen

Ich hatte Schmerzen. Keine Mimimi-Schmerzen. Sondern solche, die mich dazu brachten, dass ich an mir als Mutter zweifelte. Solche, die mich dazu brachten, zu weinen, wenn das Baby weinte, weil ich wusste, jetzt muss ich sie wieder anlegen. Solche, die das Verhältnis zu meinem Kind gestört haben. Denn ich empfand in diesen Momenten Hass auf das kleine hungrige Ding. Als das passierte, zog ich die Notbremse: Ich wollte mein Kind in meinen Gedanken nicht dafür bestrafen, dass ich es nicht hin bekam, sie zu ernähren. Also stieg ich auf Flaschennahrung um. Als es bei der zweiten Tochter auch nicht klappte, wartete ich keine sechs Wochen und eine halbe postnatale Depression ab, sondern stieg schon nach einer Woche auf Flaschennahrung um.

Ich bin ein Still-Versager – und das ist okay so

Und jetzt kommt’s: Ich hadere nicht damit. Natürlich hat es mich vor allem bei der Großen eine Zeit lang belastet. Aber als ich für mich den Entschluss gefasst hatte, auf die Flasche umzusteigen, war ich sehr viel gelöster. Auf einmal konnte ich dieses kleine Wesen viel mehr genießen, mich darauf einlassen, wie es sich entwickelte. Ich glaube, hätte ich es noch weiter versucht, hätte das sicher etwas zwischen meinem Kind und mir zerstört.

Sicherlich nagte anfangs das schlechte Gewissen an mir. Denn auch ich hatte Ratgeber gelesen und das beeinflusste mich natürlich. Ich habe – von Nachgeburtshormonen überschwemmt – geweint, weil ich es einfach nicht drauf hatte. Aber das legte sich. Meinem Kind ging es gut, mir ging es besser. Das war die Hauptsache.

Was mich aber wirklich, wirklich, WIRKLICH stört, das sind die mitleidigen Blicke, wenn ich davon erzähle oder irgendwo die Flasche auspacke. Mit der Großen war ich noch in vielen Babykursen, da war ich oft die einzige, die ihr Kind nicht gestillt hat. Das finde ich grundsätzlich gut, denn wie gesagt finde ich Stillen richtig. Allerdings störten mich die Blicke der anderen doch sehr. Es war alles dabei: Verachtung (WAS, die Olle tut ihrem Kind sowas an und stillt nicht!!!!), Mitleid (Ohje, hat es etwa nicht geklappt????) oder auch Unverständnis (Will sie nicht oder kann sie nicht?).

Wenn es nicht geht, geht es halt nicht

Liebe Still-Muttis: Wer nicht stillt, hat seine Gründe. Ich behaupte, viele von denen haben es versucht –  die einen hartnäckiger als die anderen, aber sie hatten den Willen dazu. Die anderen wollten es vielleicht nicht. Warum? Ist doch egal, denn es geht euch nichts an!

Dieser gesellschaftliche Druck, der auf Mütter ausgeübt wird, ist enorm, auch wenn uns das vielleicht nicht bewusst ist. Überall wird Muttermilch als die heilige Kuh angepriesen – in Ratgebern, beim Arzt, auf den Milchpulverpackungen. Ja, sogar auf denen. Obwohl man denken sollte, die möchten, dass mehr Eltern Milchpulver füttern, schließlich verdienen sie etwas daran.

An dieser Stelle eine Leseempfehlung: Nicole spricht mir oft aus dem Herzen. Auch in diesem Artikel über Stillen oder nicht stillen: Über verschüttete Milch weinen | kleinerdrei.org Sie führt auch den Punkt zum Thema „Milchpulverindustrie“ und „Studien zum Thema Stillen“ etwas aus. 

Ich wiederhole mich gerne nochmal: Stillen ist wichtig und richtig. Aber wenn es nicht geht, geht’s halt nicht. Und das ist auch okay so.

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2 Antworten

  1. Sabrina sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich konnte bei beiden Kindern nicht Stillen – aus verschiedenen Gründen. Für mich war das in Ordnung, weniger in Ordnung war das sich rechtfertigen müssen (Oh, warum stillst du denn nicht?). Meine Kinder sind gesund und glücklich. Ihnen die Flasche geben zu können, hat mich gelöst und mich ihnen die Mutter sein lassen, die ich sein wollte – ohne den ganzen Stress um das „Warum klappt das mit dem Stillen nicht“ – Deshalb nochmal: Danke